A home away from home

In meinem Italien-Newsletter „Im Süden was Neues“ habe ich schon oft von der Bar in Florenz berichtet, die über die Jahre mein „zweites Zuhause“ geworden ist, oder besser gesagt mein Wohnzimmer. Und nicht nur meins: Eigentlich ist niemand von den Stammgästen „nur“ für das gastronomische Angebot in die Bar gegangen, sondern für das ganze Drumherum.

Die Bar war für die meisten von uns ein „home away from home“, ein klassisches Merkmal sogenannter „Dritter Orte“1.

Die Theorie des „Dritten Ortes“ stammt von Ray Oldenburg, der in den späten 80iger Jahren die zunehmende Isolierung innerhalb der amerikanischen Gesellschaft analysiert und den „Dritten Ort“ als Bezugspunkt außerhalb des eigenen Zuhauses und der Arbeit populär gemacht hat. Dabei ist die Erkenntnis, dass Menschen Räume brauchen, in denen sie aufeinander treffen können, natürlich nicht neu, sondern so alt wie die Menschheit.

Was in Griechenland die ἀγορά (Agora), im alten Rom das Forum und in Italien später dann ganz allgemein die Piazza war, sind nur einige Beispiele für Orte, an denen Menschen halb institutionell, halb privat, zusammen treffen.

Dritte Orte sind nun Orte, die besonders durch einen niederschwelligen Charakter bestechen und in ihrer äußeren Erscheinung oft unscheinbar wirken. Wenn ich an meine Bar denke, stimmt das: Die Möbel waren einfach und haben mir dabei geholfen, meine ganz persönliche Theorie über die „Gemütlichkeit“ von Plastikstühlen zu entwickeln. Je schicker ein Ort ist, desto mehr läuft er Gefahr, kein Dritter Ort mehr zu sein. Denn die augenscheinliche Durchschnittlichkeit beschützt den Dritten Ort davor, dass zu viele Fremde ihn aufsuchen. „Fremde“ versteht Oldenburg in Abgrenzung zu Stammgästen. Denn ein Dritter Ort lebt von seinen regelmäßigen Besucherinnen und Besuchern. 

Wenn ich an die Bar denke, kann ich ganz genau aufzählen, wer die Stammgäste sind – die meisten kenne ich sogar beim Namen. 

Und obwohl ich anfangs eine augenscheinlich „Fremde“ war, hat mein häufiges Anwesendsein und meine Beteiligung an den belanglosen Alltagsgesprächen dazu beigetragen, dass ich schnell als Stammgast in diesen Ort integriert wurde.

Denn das ist ein weiteres Merkmal dieser Dritten Orte: die Gesprächigkeit. Dabei sind die Gespräche meist niederschwellig, universell und immer von einer großen Portion Humor durchzogen. Es werden viele Sprüche geklopft – wenn man das aushält und mitmacht, gehört man schnell dazu.

Das, was mich an der Bar immer am meisten fasziniert hat, war der bunte Mix an Menschen, die dort zusammen gekommen sind und sich in ihrem „normalen“ Leben so nie mittags unterhalten hätten. In meinem Gedicht „Il bar sotto casa“ heißt es „essen und trinken / müssen alle irgendwie“. Die Bar als „Dritter Ort“ hebt alle Hierarchien auf. An der Türschwelle gibt man für die Dauer einer Stunde seine berufliche Rolle auf. Es ist dann kurz (fast) egal, ob man als Anwalt, Putzkraft oder Goldschmied arbeitet, ob man studiert, hauptsächlich Care-Arbeit leistet oder arbeitssuchend ist. Mich hat das immer unglaublich fasziniert. In der Bar gehörten alle dazu. Dritte Orte sind per definitionem inklusiv. Da braucht es auch kein „Come as you are“, denn das machen ganz selbstverständlich sowieso alle. 

„Third places, however, serve to expand possibilities, whereas formal associations tend to narrow and restrict them. Third places counter the tendency to be restrictive in the enjoyment of others by being open to all and by laying emphasis on qualities not confined to status distinctions current in the society. Within third places, the charm and flavor of one’s personality, irrespective of his or her station in life, is what counts.“2

Kurzum: Wie du dich auf zwischenmenschlicher Ebene verhältst, zählt an einem Dritten Ort viel mehr als dein sozialer Status. Natürlich hat beides auch eine Wechselwirkung. Manchmal entstehen durch die Kontakte fruchtbare Arbeitsbeziehungen oder Mietverhältnisse oder es ist leichter, einen Handwerker oder Anwalt zu finden. Aber es muss nicht so sein. Im Vordergrund steht das fröhliche Miteinander, der „spielerische“ Umgang.

Ray Oldenburg sagt auch, dass man Dritte Orte ungern verlässt und eine innere Notwendigkeit besteht, immer wieder an diesen fröhlichen Ort zurückzukehren.

An „Dritten Orten“ können wir Individuen sein, die sich unvoreingenommen auf andere einlassen. Wir können in Dialog treten und uns streiten und vertragen, weil der Ort den Rahmen hält.

Wir brauchen „Dritte Orte“ und es gibt zu wenig davon.

Genau deswegen sind all die „regulars“, die Stammgäste der Bar Santa Reparata in Florenz zum Jahresende in eine große Krise geraten. Die Bar hat zugemacht. Das hat uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich darf das so dramatisch ausdrücken, denn auch das ist, wie ich jetzt gelernt habe, eine Charakteristik von Dritten Orten :). Ich bin sicher: Die wenigsten trauern nur um den guten Caffè und das leckere und günstige Mittagessen. Die allermeisten von uns stehen jetzt ohne ihren Dritten Ort da, der für uns alle so wichtig war. Und es ist eben nicht leicht, in einer Stadt, die von Angeboten für Tourist:innen platzt, einen bescheidenen Ort zu finden, an dem man sich einfach treffen kann. An dem man auch eine Stunde vor einem Bier oder einem caffè sitzen kann, nur um den neuesten Klatsch und Tratsch mitzubekommen.

Die Bar hat eine unglaubliche Sozialfunktion und die brauchen wir in diesen zerrütteten Zeiten mehr denn je. 

Ich habe diesen Text geschrieben, weil ich immer noch verarbeite, wie sehr mir dieser Ort fehlt. Aber auch, weil wir Gegenentwürfe brauchen zu all den Orten,  an denen es um Konsum und möglichst viel Profit geht. Es ist nicht leicht, solche Orte zu eröffnen, aber es gibt sie. In Bonn und Florenz, meinen beiden Wohnorten, kenne ich großartige Beispiele. Aber es sind zu wenig. Mehr Menschen müssen sich trauen, solche Orte zu eröffnen. Auch der politische Diskurs braucht Dritte Orte. Viele Probleme rund um Inklusion, Migration, Diskriminierung von Minderheiten könnten wir anders lösen, wenn es mehr Dritte Orte gäbe. 

Wenn ich bei all der Melancholie in Italien eins gelernt habe, dann, dass manche Dinge sich nie ändern. Ray Oldenburg zitiert Richard Godwin und einen Text, den er 1974 im New Yorker veröffentlicht hat: 

„Now at Florence, when the air is red with the summer sunset and the campaniles begin to sound vespers and the day’s work is done, everyone collects in the piazzas. The steps of Santa Maria del Fiore swarm with men of every rank and every class; artisans, merchants, teachers, artists, doctors, technicians, poets, scholars. A thousand minds, a thousand arguments; a lively intermingling of questions, problems, news of the latest happening, jokes; an inexhaustible play of language and thought, a vibrant curiosity; the changeable temper of a thousand spirits by whom every object of discussion is broken into an infinity of sense and significations-all these spring into being, and then are spent. And this is the pleasure of the Florentine public.“ 3

„Wenn in Florenz die Luft vom Sonnenuntergang rot gefärbt ist, die Campanile die Vesper erklingen lassen und die Arbeit des Tages getan ist, versammeln sich alle auf den Plätzen. Auf den Stufen von Santa Maria del Fiore wimmelt es von Menschen jeden Ranges und jeder Klasse: Handwerker, Kaufleute, Lehrer, Künstler, Ärzte, Techniker, Dichter, Gelehrte. Tausend Köpfe, tausend Themen; ein lebhaftes Durcheinander von Fragen, Problemen, Neuigkeiten, Scherzen; ein unerschöpfliches Spiel der Sprache und der Gedanken, eine lebhafte Neugier; das wechselhafte Temperament von tausend Geistern, die jeden Diskussionsgegenstand in eine Unendlichkeit von Sinn und Bedeutungen zerlegen – all das entsteht und vergeht wieder. Und das ist das Vergnügen des florentinischen Publikums“. 


  1. Dieser Text verwendet die Überlegungen, die Ray Oldenburg in „The great good place“, Chapter 2, „The character of third places“, anstellt. Erstveröffentlichung 1989, mehrmals nachgedruckt. Ich habe ein Exemplar aus 2023 benutzt, Seiten 21-45. ↩︎
  2. ebd. S. 26. ↩︎
  3. Richard Goodwin, „The American Condition,“ The New Yorker (28 January 1974), 36. ↩︎

Italiano: A home away from home

dedicato al Bar Santa Reparata e tutti i suoi abitué

Da anni scrivo una newsletter sulla mia vita e i miei vissuti italiani e tante volte mi è capitato di citare il bar sotto casa mia che durante gli anni per me è diventato una seconda casa o meglio: il mio salotto. Nessuno degli abitué di questo posto ci andava soltanto per il buon cibo ma per ben altre ragioni.

Per gran parte di noi il bar è stato un „home away from home“, una casa lontana da casa nostra, una caratteristica classica dei cosiddetti „luoghi terzi“.

La teoria del „luogo terzo“ venne sviluppata da Ray Oldenburg negli anni novanta. Lui rifletteva sull’isolazione all’interno delle società americane che stava aumentando e come risultato delle sue riflessioni ha sviluppato la teoria sulla necessità degli uomini di un luogo che non sia né la casa né il posto di lavoro, ma un altro, un „terzo“ luogo. L’idea che gli uomini hanno bisogno di spazi dove radunarsi non è affatto un’idea rivoluzionaria – è antica come l’umanità stessa.

Ciò che in Grecia si chiamava ἀγορά (ágora), nella Roma antica erano i fori e nell’Italia di oggi poi lo sono diventate le piazze. Sono solo alcuni esempi banali per elencare luoghi in cui le persone si incontrano in maniera istituzionalizzata e/o privata. 

Luoghi Terzi sono luoghi che spiccano per il loro carattere di facile accesso. Nell’apparenza spesso passerebbero senza essere notati. Se penso al „mio“ bar, è vero: I mobili erano semplici e mi hanno fatto sviluppare la mia teoria della „Gemütlichkeit“ (termine difficilmente traducibile del tedesco) delle sedie di plastica. Più bello è un posto di apparenza, più corre il rischio di non essere più un logo terzo. La „mediocrità“ palese protegge un luogo terzo da essere frequentato da troppi stranieri. „Stranieri“ da Oldenburg sono intesi per distinguersi dagli abitudinari di un posto. Un luogo terzo vive dai frequentatori regolari. 

Se penso al „mio“ bar, so esattamente chi erano gli abitudinari di questo posto e li saprei chiamare anche con il loro nome.

Se all’inizio ero una „straniera“ nel più palese dei modi, durante gli anni sono diventata parte di questo posto come tutti gli altri. Anche se ho fatto delle lunghe assenze, bastavano due chiacchiere al rientro e ero di nuovo velocemente integrata. 

Con questo tocco un’altra caratteristica dei luoghi terzi: la propensione alle chiacchiere. Spesso i discorsi ruotano attorno a tematiche di facile accesso, sono generici e sempre conditi di una grande fetta di umorismo e battute. Fare battute fa parte della natura di questi posti – se sei in grado di reggere e meglio ancora partecipare, ti ci vuole bene in fretta. 

La parte più affascinante per me era il grande miscuglio di persone che hanno trovato il loro posto al bar. Affascinante perché per lo più sono persone che non si incontrerebbero facilmente nella vita al di fuori del bar a fare due chiacchiere durante la pausa pranzo. Il bar è in grado di sospendere le gerarchie per un’istante. Quando entri, lasci sulla soglia il tuo ruolo professionale, almeno per il tempo che ci vuole per mangiare un piatto di pasta e prendere il caffè. Per un’istante soltanto non importa se lavori come avvocato, addetto alle pulizie o orafo, non importa se hai fatto l’università, se fai la casalinga o se cerchi lavoro. Sarà perché questi posti in Germania sono più rari, o sarà perché ho sempre ritrovato un aspetto „teatrale“ in tutto questo: ma mi affascina infinitamente. Al bar riesci a integrare tutti. Luoghi terzi sono inclusivi per definitionem. Non c’è bisogno di propagare su scala alta degli slogan come „Come as you are“, perché è cosa scontata.

„Third places, however, serve to expand possibilities, whereas formal associations tend to narrow and restrict them. Third places counter the tendency to be restrictive in the enjoyment of others by being open to all and by laying emphasis on qualities not confined to status distinctions current in the society. Within third places, the charm and flavor of one’s personality, irrespective of his or her station in life, is what counts.“ 

Per farla breve: Come ti rapporti nelle relazioni interpersonali nei luoghi terzi ha un peso maggiore rispetto al tuo stato sociale. Certo: L’uno può avere un impatto sull’altro. A volte nascono collaborazioni di lavoro o di affitto o trovi un idraulico o un avvocato più facilmente. Tuttavia, non è detto e non è la condizione necessaria. La giocosità sta sempre in primo piano. 

Inoltre, Ray Oldenburg dice, che si lasciano i luoghi terzi malvolentieri e che c’è sempre un’urgenza interiore di ritornare in questo luogo felice. In un luogo terzo ci è possibile essere degli individui che accettano gli altri. Possiamo dialogare, discutere e litigare. E fare pace – perché è il posto stesso a fare da contenitore per tutto ciò.

Abbiamo tanto bisogno di questi posti e ce ne sono troppi pochi.

È per questo motivo che verso la fine dell’anno scorso tutti gli abitué del bar Santa Reparata a Firenze sono entrati in una grande crisi. Il bar ha chiuso. Ci è venuto a mancare il suolo. Mi è concesso di esprimermi in questa maniera melodrammatica in quanto anche la drammaticità è una caratterista di luoghi terzi :). Sono sicura: Saranno in pochi a piangere soltanto per il caffè buono che ancora non abbiamo trovato in nessun altro bar nelle vicinanze. Gran parte di noi è stata privata del proprio „luogo terzo“ che – pur avendo un significato diverso per ognuno, aveva un’importanza per tutti. Non è facile trovare un posto di queste misure in una città che sta morendo dell’overtourism. Un posto tranquillo, dove stare, dove passare il proprio tempo davanti a un caffè o una birra senza impoverirsi ancora di più. Abbiamo bisogno di posti dove fare le chiacchiere – in questi tempi tesi più che mai. 

Ho scritto questo testo perché scriverci mi aiuta nella mia malinconia. L’ho scritto anche perché abbiamo bisogno di controproposte verso i luoghi di alto consumo e profitto. Non è facile gestire posti del genere, ma esistono. Nelle due città in cui vivo, a Bonn e Firenze, conosco degli ottimi esempi. Però sono troppo pochi. Più persone dovrebbero avere il coraggio di aprire questi posti. Anche il discorso politico ha bisogno di luoghi terzi. Tanti problemi quali l’inclusione, la migrazione, la discriminazione di minoranze e tanto altro potrebbero essere risolti diversamente se avessimo più terzi luoghi.

Per chiudere con una nota positiva voglio citare un’osservazione di Richard Goldwin che Ray Oldenburg ha messo nel suo libro. Ho imparato che in Italia alcune cose non cambiano mai e le sue parole del 1974 mi incoraggiano:

„Now at Florence, when the air is red with the summer sunset and the campaniles begin to sound vespers and the day’s work is done, everyone collects in the piazzas. The steps of Santa Maria del Fiore swarm with men of every rank and every class; artisans, merchants, teachers, artists, doctors, technicians, poets, scholars. A thousand minds, a thousand arguments; a lively intermingling of questions, problems, news of the latest happening, jokes; an inexhaustible play of language and thought, a vibrant curiosity; the changeable temper of a thousand spirits by whom every object of discussion is broken into an infinity of sense and significations-all these spring into being, and then are spent. And this is the pleasure of the Florentine public.“ 

„A Firenze, quando l’aria è rossa dal tramonto estivo e i campanili iniziano a suonare e il lavoro della giornata è finito, allora tutti si radunano in piazza. Le scale di Santa Maria del Fiore scoppiano di uomini di ogni stato e rango; artigiani, mercanti, insegnanti, artisti, medici, tecnici, poeti, studiosi. Mille teste, mille argomenti; una chiacchierata vivace di questioni, problemi, novità dell’ultima ora, scherzi e battute; un gioco inesauribile di linguaggi e pensieri, una curiosità vibrante; mille spiriti dei quali ogni oggetto di discorso è interrotto in un’infinità di sensi e significati – tutti loro saltano nell’essere, e poi vengono spenti. E questo è il piacere delle persone di Firenze“


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